DIE ERSTEN TRAUMSTATIONEN IM HERBST 2019

Träume bleiben nicht nur bei sich, sie sind ein Überschuss und gehen über sich hinaus, erzählen sich weiter, gehen in unseren Tag, in unser Denken, in unser Tagwerk ein. So wie Fehlleistungen ein Hinweis darauf sind, dass alle unsere Leistungen immer noch von etwas anderem zeugen, so sind Träume Teile dieser Wirklichkeit, in der wir leben, in der wir uns bewegen.

In diesem Sinn wollten wir mit den Träumen auch raus aus den Praxiszimmern und eröffneten in Kooperation mit dem Theater Neumarkt die Traumstationen. Als T Raumstationen sollten sie für Träume sensibilisieren, sie einfangen und mit Deutungen beantworten. An verschiedenen Orten, in Bibliotheken, Hotels, Restaurants, in Buchhandlungen und Bars stellten wir Traumboxen auf und luden die Besucher ein, da ihre Träume einzuwerfen. Wir versprachen Ihnen mit einer Deutung zu antworten.

Die Eröffnung dieses 10 wöchigen Projektes fand am Open House des Theaters Neumarkt am 21. September 2019 statt. Open House wurde ganz wörtlich verstanden, indem das Haus auf die Strasse vor dem Theater ging und wir dort mit einem Paravent eine Couch mit Sessel und dazugehörendem Tischchen aufstellten. Angeschrieben war unser Angebot Träume zu deuten mit Via Regia.

Natürlich schien es vielen – uns eingeschlossen – zunächst etwas befremdend, sich auf der Strasse auf eine Couch zu legen und sozusagen in aller Öffentlichkeit einer ja unbekannnten Person einen Traum zu erzählen. Bald aber war der Bann gebrochen und eine nach dem anderen legte oder setzte sich und erzählte, wir hörten zu, antworteten mit unseren Gedanken und Eindrücken, es entstanden intensive und angeregte Gespräche zu den Träumen, den Geschichten und ihrer Bedeutung. Und es hörte, nachdem es mal angefangen hatte, nicht mehr auf bis spät am Abend. Für uns war es eindrücklich, wie sich inmitten von anderen, die durchaus stehen blieben und manchmal interessiert zuschauten, sich mit dem Erzählen des Traumes eine Atmosphäre und ein Raum von Intimität herstellte, die offene Gespräche ermöglichte, und es wurde uns klar, dass dieser Raum und diese Intimität vor allem durch den Traum und das Erzählen hergestellt wurde.

Als Überraschung an diesem Anlass liessen wir dann am späten Nachmittag einen riesigen Strauss von mehr als 100 bunten Luftballons in die Luft steigen. An jedem war ein Kärtchen angebracht, das man wieder an uns zurückschicken konnte, mit einem Gutschein nicht nur für eine Traumdeutung, sondern auch zur Teilnahme an der Veranstaltung Traum Agent – Agent Traum, die Ende November im Theater Neumarkt als Abschluss des Projekts und zur Preisverleihung von The Missing Link und Link 2 Future veranstaltet wurde.

Mit der Eröffnung ging es dann los mit den Träumen – auf allen Kanälen, in allen Medien. Die Presse hat berichtet, in der WOZ erschien beispielsweise ein von uns geschriebener Artikel zum Traum und seiner Deutung, in dem mehrere Kolleginnen unabhängig voneinander den gleichen Traum Von der Löwengrube deuteten. Auf Facebook und im Netz kursierten die T Raumstationen.

Träume draussen, auf allen Kanälen und in allen Medien, hiess zudem, dass wir auch eine Email-Traumstation unter der Adresse traum@psychoanalyse-zuerich.ch eingerichtet haben – die im Übrigen wieder aktiv ist –, an die man Träume schicken konnte, von der dann Deutungen zurückkamen. Darüber hinaus haben wir eine telefonische Hotline eröffnet, auf der man nicht nur Träume aufsprechen – natürlich mit Rückantwort per mail oder per Post –, auf der man sich zudem Träume anderer anhören konnte – wenn man beispielsweise nachts nicht schlafen konnte oder sonst in diese andere Welt eintauchen wollte.
Und schliesslich hatten wir noch eine mobile Traumstation, die Velo-Rikscha Via Regia, mit der wir in die Stadt fuhren und an bestimmten Standorten, Passanten einluden, einen Traum zu erzählen. Anfangs planten wir mit der Rikscha die Traumerzähler durch die Stadt zu fahren und dann im Fahren den Träumen zu lauschen und auf sie zu antworten, es stellte sich aber heraus, dass die Anforderungen an fahrerisches Können und gleichzeitiger Konzentration auf das den Traum noch ein wenig Übung bedurften. Vielleicht schaffen wir es dann beim nächsten Mal.

Nichtsdestotrotz war es auch bei dieser mobilen Traumstation, die ja mit Absicht die Öffentlichkeit aufsuchte, frappant auf welches Interesse dieses Setting gestossen ist. Die Welt rundum war einerseits präsent und verwandelte sich im selben Moment, es schien als würde sie mitklingen in der Erzählung des Traums.

Die Traumstationen waren ein Erfolg, wie wir ihn uns nicht vorgestellt haben. Träume über Träume kamen herein und der Deutungspool aus Kolleginnen und Kollegen des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) hatte sozusagen alle Hände voll zu tun. Und es war für uns alle nicht nur ein Erlebnis, sondern eine Erfahrung, wie wir sie noch selten gemacht haben. Das andere Setting, in der Regel keine Angaben zu den Träumerinnen zu haben, war eine Herausforderung, die uns beschäftigte, unseren Austausch intensivierte und immer spannender machte, wir haben ungeheuer viel gelernt dabei.

So haben uns zunächst anonym in die Traumboxen eingeworfene Träume irritiert, weil wir ja nicht antworten konnten, weil wir keinen direkten Adressaten hatten. Sehr schnell wurde aber klar, dass wir diese Eingaben deuten und diese Deutungen aufbewahren, dass die Anonymität, die durch diese Traumboxen möglich wurde, einen Aspekt hervorhob, der durchaus für Träume generell gilt: dass sie anonym sind, dass sie von irgendwoher kommen, man nicht immer so genau weiss, woher, das sie nie genau beantwortet werden kann, dass auch der Adressat, selbst wenn er auf der Couch liegt, nicht immer so klar, immer auch noch ein anderer ist.

Dass gerade in solchen Träumen Fragen und Themen auftauchten, die über die Person und das Persönliche hinausgingen, Politisches, Aktuelles, auch Jahreszeiten beispielsweise umkreisten, schien uns dann nicht mehr erstaunlich, weil darauf die Anonymität hinweist: dass es nicht nur um die Person geht, auch wenn sie nicht ausgeklammert ist, als Medium, als Ort, an dem sich der Traum aktualisiert.

Die Reaktionen waren weitgehend sehr positiv, einzelne Träumer schickten immer wieder einen Traum, wollten noch mehr wissen und erfahren, viele von ihnen gaben auch ihr Einverständnis, dass wir ihre Träume – natürlich in anonymisierter Form – für eine eventuelle Publikation verwenden dürfen. Natürlich gab es Reaktionen, die enttäuscht über unsere Deutungen waren, unzufrieden und auch verärgert. Wir haben diese Kritik immer versucht für uns aufzunehmen und die Deutungen weiter zu treiben. Und die natürlich nicht unprovokative Frage, ob wir denn Anfänger seien, hat durchaus getroffen und auch ihre Richtigkeit. Das ist die Situation, vor die uns der Traum immer stellt, in der wir ihm immer begegnen: Anfänger zu sein. Was wir auch als Anregung für das Verständnis der psychoanalytischen Aus- und Weiterbildung nehmen.

Deshalb werden wir die Auseinandersetzung mit dem Traum und den Träumen – und vielleicht ist der Traum ohnehin immer einer im Plural – weitertreiben. Der Traum selbst hört ja auch nicht einfach auf, erzählt sich weiter, bildet sich weiter, nimmt immer neue Formen an, nicht nur in den Erzählungen, auch in den Deutungen und auch in unserem Tun und Lassen, in das er eingeht.

Ein Ort dieser Auseinandersetzung war dann die Veranstaltung Traum Agent – Agent Traum, über die wir an dieser Stelle demnächst berichten werden. Dazu muss erst diese Website in ihrer programmierten Struktur umgebaut werden. Auch ein Produkt der Traumstationen, der Träume.

Das ganze Projekt wurde von Künstlerinnen und Künstlern nicht nur begleitet, sondern durch den Austausch mit ihnen wesentlich mitgeprägt. So hat Claudia Maria Lehner den grafischen Auftritt des Projekts und die Traumstation in der Stadtbibliothek Winterthur künstlerisch gestaltet, Raphael Perret hat die Email-Traumstation mit Künstlerfreundinnen aus der ganzen Welt erweitert, so dass wir beispielsweise Träume aus der Sahara und aus dem brasilianischen Regenwald bekamen, Caroline Schreiber hat für die WOZ den Traum mit einer Zeichnung gedeutet und an der Veranstaltung ihrerseits ein Setting mit Couch, Sessel, Papier und Farbstiften installiert und Träume der Teilnehmerinnen gezeichnet, wobei diese Zeichnungen dann auf eine riesige Rampe projiziert wurden, die in den Zuschauerraum des Theaters kragte, so als kämen sie nicht nur aus einer anderen Welt, sondern würden diese erschaffen. Una Szeemann liess in ihrer Performance Oneironautics Träume vielstimmig durch den Saal des Theaters sich bewegen, so dass sie an einem vorbeizogen, dort Halt zu machen schienen, gleichzeitig schon wieder woanders waren. San Keller klingelte in seinem Projekt Die Halbschlafenden in einer Nacht bis in den frühen Morgen an Wohnungen in den Strassen von Zürich und fragte die Bewohner über die Gegensprechanlage nach den Träumen, die sie gehabt haben. Die Gespräche über die zitternde Verbindung der Sprechanlage hat er aufgenommen und an der Veranstaltung präsentiert, dabei die Verzerrungen, Störungen, die Intensität des nächtlichen Traumgeschehens auf immer auch witzige Art und Weise vorgeführt. Rupert Jaud gestaltete einen Audiowalk zum und im Rechberggarten in der Nähe des Theaters Neumarkt, auf dem man über Kopfhörer und GPS nicht nur den Traum in den Traum von der Löwengrube, sondern noch in viele andere Träume aus den Traumstationen eintauchte, die sich begegneten, überschnitten, wieder entfernten und aus anderer Richtung wieder riefen und so einen ganz eigenen Kosmos in diesem barocken Garten bildeten. Schliesslich hat Andres Bosshard an der Veranstaltung der Nacht der 1001 Träume eine musikalische Form gegeben, sie zum Klang gemacht, das Erzählen der Träume unter den zahlreichen Besuchern die ganze Nacht hindurch nicht nur begleitet, sondern ihr Töne gegeben und sie zur Musik gemacht, die dann den Schlaf mit einer Klangreise rund um die Welt einhüllte, in der man vom Bartender Husam Suliman mit seinem Getränkewagen immer neue Drinks serviert bekommen konnte, um wieder in die Klänge, die Träume und ihren Schlaf einzutauchen.

Die erwähnte Publikation ist in Vorbereitung. Sie wird von den Erfahrungen berichten, die Träumerinnen und Traumdeuter in diesem Projekt gemacht haben, wird diese Erfahrungen mit Beiträgen der am Deutungspool Beteiligten weitertreiben, sie mit Beiträgen aus anderen Disziplinen und Künstlerinnen und Künstlern vermischen und versuchen, nicht nur über Träume zu schreiben und zu denken, sondern etwas von dem Geschehen spürbar zu machen, das sie sein können und sind.

Weil wir sehr bald nach der Veranstaltung die so eindrückliche und prägende Auseinandersetzung mit den Träumen vermisst haben und diesen Puls, diesen Motor der Träume im Lauf halten wollten, weil wir auch glaubten, dass diese Auseinandersetzung für uns als Psychoanalytikerinnen zu unserer nie abgeschlossenen Ausbildung und Bildung viel beitragen kann, haben wir – zudem aus aktuellem Anlass der Corona-Krise – die Email-Traumstation wieder aktiviert.

So sind Ihre Träume wieder unter traum@psychoanalyse-zuerich.ch willkommen, wir werden die Verbindung zu ihnen und zu Ihnen digital weiterspinnen, die Bilder dieser Zeit aufnehmen und mit Ihnen weitertreiben.

Dazu haben wir neu das Medium der Podcasts beigezogen. Träume sind immer auch mediale und polyphone Ereignisse. Was natürlich auch für ihre Deutungen gilt, die ja Teil von ihnen sind, Formen und Formate, in die hinein sie sich fortsetzen. So haben wir begonnen, eingehende Träume immer wieder auch zu dritt – per Skype – zu deuten, diese mehrstimmigen Deutungen als Audiodateien aufzunehmen. Beim Einverständnis der Träumerinnen werden diese Deutungen als Podcasts veröffentlicht und jeden Sonntag durch neue Deutungen fortgesetzt.

DIE EMAIL-TRAUMSTATION IST WIEDER OFFEN

Wir laden Sie herzlich ein, uns Ihre Träume zu schicken. Wir, The Missing Link und eine Gruppe von Psychoanalytikerinnen des PSZ, werden auf jeden Traum eine Deutung zurückschicken.

Angesichts der aktuellen Situation haben wir beschlossen, das letztjährige Projekt der Traumstationen mit der Email-Traumstation unter der schon bekannten Adresse

traum@psychoanalyse-zuerich.ch

wieder zu aktivieren. Träume sind Verarbeitungen dessen, was uns innerlich und äusserlich beunruhigt, ängstigt und aus dem Rahmen wirft, sie stellen darüber hinaus in unterschiedlichen Medien – vom Bild zur Sprache und umgekehrt bis hin zu Berührungen, Geschmacks- und Geruchserinnerungen – immer wieder neue und andere Verbindungen zwischen den verschiedenen, auseinander gefallenen Aspekten unseres Lebens her.

TRAUMSTATIONEN IM RADIO

Eine Stadt im Traum hiess eine Sendung von Radio ORF/Ö1, die am 14. Oktober 2020 zu unseren Traumstationen ausgestrahlt wurde.

 

PODCAST TRAUMSTATION

Die Traumstation gibt es jetzt auch als Podcast: In jeder Folge deuten drei Psychoanalytiker_innen einen Traum. Neue Folgen erscheinen jeweils am Sonntag Vormittag.

Podcast anhören auf:

 

Spotify

Apple Podcasts

Andere Plattformen