Projektionen

Mathias Vetter, François Chalet und Renée Ener

Die beiden Künstler Mathias Vetter und François Chalet haben für die Veranstaltung Passagen Übertragungen Medialitäten eine Installation mit dem Titel Projektionen realisiert.

Das Essay von Renée Ener lässt ahnen, dass es sich bei Projektionen nicht nur um ein pathologisches Symptom handelt, sondern um einen immer auch medialen und sich neu medialisierenden Weltentwurf.

Video und Schnitt: Milos Savic

Weltentwürfe

Renée Ener (Zürich)

Am Anfang Musik, mit schnellem Rhythmus, mit Klängen, die sich zu jagen, sich zu überholen scheinen, nach vorne stürzen, Tonfolgen, Kaskaden von Tönen, die sich auffalten, entfalten und ablösen. Dann kommen die Bilder: Bewegungen, die sich öffnen und schliessen, Arme und Beine, die sich dem Rhythmus einfügen, sich im Rhythmus multiplizieren, sich mit den Schnitten verändern, geschnitten werden und neu zusammensetzen, ArmeBeine werden, neue Körper.

Sind die Körper Töne, Bilder, Bewegungen? Sind die Bilder Körper, sind die Töne Körper, sind die Töne Bilder, sind die Bilder Töne?

Die Bilder sind Musik und Rhythmus, ebenso sehr wie die Körper, die zu Bildern werden. Zu immer neuen Bildern, zu immer neuen Körpern, die neue Musik machen, es knackt und es knistert, Strom, Spannung, es geht immer weiter und weiter, der Rhythmus treibt das Geschehen vor sich her.

Matthias Vetter, Musiker, und François Chalet, Videokünstler, haben zum Thema dieser Veranstaltung ein Video gemacht. Anders als sonst vertont die Musik nicht den Film, hier beginnt die Musik, deren Tonfolgen sich in die Bildfolgen, in das Video projizieren. Aus dem One-Screen-Video Projektionen wurde eine Installation auf einer Bühne des Theaters der Künste, mittendrin, ein Durchgang von vorne nach hinten, vom Saal zur Bar und zurück. Eine Projektion in den Raum, nicht nur in einen Raum, sondern auf Stoffbahnen – quer in den Raum gehängt –, die aufeinander folgen, in denen sich die Projektionen verfangen, auf denen sie sichtbar werden, auf denen sie wieder- und weitergegeben werden, auf denen sie sich verändern und auf die nächste Ebene verschieben, sich wieder projizieren, sich verzerren und verschieben, Bilder produzieren, die verstören und von einer unbeschreiblichen Schönheit sind. Man kann sich in sie setzen, in diese Bilder, in ihre Abfolge, man kann sich in sie legen, man kann in ihnen gehen und in ihnen stehen, wird selbst zum Bild, das man ohnehin ist, wird selbst zum Auge oder zum Mund, zu Arm und Armen. Nicht nur ein Arm, nicht nur zwei Arme, immer noch einer mehr, ganze Armeen von Armen.

Sie werden zu Rosetten, zu Lamellen der Linse der Kamera, die sich öffnen und schliessen, zu Schmetterlingen, Flügelschlägen, sie heben ab und kommen als Tausendfüssler wieder, immer neue Bilder, immer neue Körper. Körperarchitekturen entworfen aus dem Rhythmus der Bilder und Töne, die Körper werden zu Maschinen, die sich im Takt bilden, die den Takt geben, keinen Anfang und kein Ende haben, Maschinen werden zu Körpern, Körper zu Maschinen, der Beat wird zum Tanz und der Tanz zu Körpern.

Und diese schweben, tauchen von irgendwoher ins Bild ein – so wie damals schon E.T. von irgendwo kam mit seinem leuchtenden Zeigefinger und den grossen, ebenso leuchtenden Augen, die Fingerspitzen berühren sich, verknüpfen die Arme zu neuen Formen, werden zu Ornamenten, die sich in uns senken, in die wir eintauchen. Die Installation wird zu einer Welt, in der man wandelt, in die man sich setzt und schaut und staunt mit offenen Augen, mit offenen Ohren, mit allen Sinnen, durch die man sich bewegt und immer neue Bilder sieht, in der man steht und sich umfangen lässt, dann selbst zum Teil dieser Welt, dieser Projektionen wird, man wirft Schatten, zeichnet sich ab, wird selbst zur Fläche, auf der sich die Bilder abzeichnen und lacht.

Projektionen ist eine Installation vielfältigster Ebenen, die zu Bildern und Bewegungen werden, die sich berühren und übereinander legen wie die Körper, die sie sind und die sie bilden, die sich überschneiden und zerschneiden, sich auflösen und neu erschaffen, die fliegen und träumen, die tanzen und neue Rhythmen, neue Welten schaffen.

Milos Savic hat an der Veranstaltung die Installation gefilmt, dieses Video der Künstler, das nicht nur sich in den Raum projizierte, sondern den Raum selbst, auf immer weiteren Ebenen neue Räume projizierte. So wurde sein Film zum Video eines Videos, zu einem weiteren Layer der Projektionen: nochmals Schnitte, nochmals neue Projektionen, neue Störbilder und Bilder. Weitere Körper tauchen auf, Passanten, Zuschauer, auch einer der Künstler, verwandeln sich ebenfalls wieder, der Mund wird zu Mündern und diese zu Augen, Spiegelungen, Wiederholungen, zu Öffnungen. Projektionen brauchen diese Öffnungen nicht nur von der Apparatur her, sie sind auch Öffnungen in immer weitere Welten, Bilder, Töne, Träume und Gedanken, sie sind Weltentwürfe.

Angaben zur Autorin

Renée Ener lebt und arbeitet in Zürich, geht durch die Welten, schaut und schreibt über all das, was sie interessiert. Sie spazierte durchs Theater der Künste, war fasziniert von der Installation Projektionen und hat diesen Text geschrieben.

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