Und sie wurde lang, diese Nacht, der vierte Teil der Veranstaltung

Jeder kennt das Gefühl der Fremdheit, wenn er sich im Spiegel anschaut. Schon so alt? Schon so viele Falten? Und dann noch das Doppelkinn. Bin ich das? Diese Gesichtsfremdheit, von der alle denken, sie betreffe nur sie, ist konstitutiv für menschliche Identität: Das, woran mich alle anderen erkennen und mich als genau mich identifizieren, sehe ich niemals. Das Gesicht ist sowohl der Ort meiner Offenheit für den Anderen als auch der Grund für eine fundamentale Selbstfremdheit. In gewisser Weise ist das Gesicht der Grund des Unbewussten.

Die Nacht des Gesichts beschäftigt sich mit der Bedeutung des Gesichts für die menschliche Identität aus kultureller, philosophischer, psychologischer und neurologischer Perspektive, aber auch aus der Perspektive von Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zu (ihrem) Gesicht haben.

 

Hans Belting

Der Blick in den Spiegel und die Krise des Selbstportraits.

Der Vortrag schließt an das Kapitel: Rem­brandts Selbstbildnis. Die Revolte gegen die Maske an. Es geht also um die Frage, wie wir mit unserem eigenen Gesicht umgehen, wie wir darauf reagieren und was wir darüber sagen. Die Selbstbildnisse der Künstler ge­ben über die entstehenden Probleme hinrei­chend Auskunft. Sie sind also auch Wegwei­ser, um die Frage nach dem Selbstbild und dem Selbstbildnis grundsätzlich und vor allem psychologisch anzugehen.

 

Ingeborg Lüscher

Zaubererfotos

Ingeborg Lüscher begann 1976 die Serie der Zaubererfotos, ein Werk in Progres, das inzwischen mehr als 500 Personen umfasst.

 „Bitte zaubere, was immer das für Dich in diesem Augenblick bedeutet“, dieser Auffor­derung folgt nur noch die Erklärung, dass 18 Fotos gemacht werden, von denen die Künstlerin 9 für die endgültige Montage auswählt.

Der / die Fotografierte kann die Aufgabe nicht durch Vorbilder oder eingeübte Posen lösen. Der Schlüssel für das Tun ist einzig und allein die Persönlichkeit des Zaubernden und da liegt das Berührende des Resultats. Das sichtbare Portrait des Menschen als individueller, kreativer Einfall in dieser ungewohnten und überraschenden Situation.

 

Daniel Aschwanden

Selfie-Schamanismus

 

„Der zukünftige Mensch wird keine Hände mehr benötigen. Er wird nichts mehr behan­deln und bearbeiten müssen. Denn er hat nur mit Informationen zu tun. An die Stelle der Hände treten die Finger. Der Mensch fingert, statt zu handeln.“

Bjung Chul Han, Im Schwarm

Choreograph und Performer Daniel Aschwanden und Medienkünstlerin Conny Zenk setzen beim alltäglichen Gebrauch von Smartphones an, den sich viral ausbreitenden, digitalen Kommunikationsgeräten und der über ihre Verbindungen über soziale Netzwerken via Internet rapide fortschreitende Datifizierung öffentlicher Räume. Durch das Eindringen der Phones in die Intimsphäre deren Körper ihrer Trägerinnen verschwimmen die Kategorien von privat und öffentlich. Die «Selfie»-Kultur ist ein Phänomen, auf das sich die Arbeit bezieht, und welche eine zunehmende Ästhetisierung in den Profilen von Facebook und anderen Social-Media-Portalen aufnimmt, jedoch die Verführung der Betrachter zum Zusehen in ein poetisches Verhältnis zu einem immanenten, digitalen Layer setzt, der die optimale Selbstdarstellung unterbricht. Mit ihren hybriden, performativ und installativ auftretenden künstlerischen Arbeiten thematisieren Aschwanden / Zenk das globale Phänomen von Überlagerungen traditioneller Kommunikationsformen durch neue Interfacekulturen, fragen den Grenzen der Partizipation und den Möglichkeiten der Kunst.

Wie re/agiert der Körper in einer Situation des Gefangen-Seins zwischen Absenz und seiner herausgeforderten analogen Präsenz gegenüber einem omnipräsenten, digitalen Schatten? Als eine Art digitaler Schamane stellt sich Aschwanden in die Lücken zwischen dem Un/Sichtbaren. Alltagsbewegungen werden durch Ausbrüche heftiger Spannun­gen unterbrochen. Different zur Prozedur der fotografischen Aufnahme vergänglicher Mo­mente seiner selbst kreieren Aschwanden/Zenk Bilder durch die Anwendung einer Zeitlupen-Choreographie im Gebrauch der Smartphones, deren Kamera langsam das Gesicht abtastet. Das eigene Abbild wird kontinuierlich aufgenommen, und ebenso als andauerndes Selfie ausgestellt. Es komplet­tiert auf eigenartige Weise das eigene Ge­sicht, dekonstruiert durch den technisch-me­dialen Prozess. Das Gadget gehört plötzlich zum Gesicht wie ein eine Brille.

 

Stefan Benini

Jeder Mensch braucht Treibstoff.

…. aus jedem stuhl einen Gefühl oder mehre­re gleichzeitig. Düstere Athmosferen Gedichte und Maskeraden im Nebel [sic].

 

Benno Wirz

Der Kuss der Philosophie

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht küssen, in welcher Form auch immer, oder, wenn nicht real nachvollziehbar, an dem wir uns einen Kuss wünschen, ersehnen oder phantasieren. Der Kuss gehört seit jeher zu unserer Kultur, man kann durchaus von einer Alltagspraxis, von einer Kulturtechnik sprechen, die nicht zuletzt in den Künsten thematisiert und reflektiert wird. Angesichts dieser kulturellen Stellung des Kusses mag erstaunen, dass der Kuss in der Philosophie eher den Rang eines Randphänomens fristet. Der Vortrag nimmt ein paar philosophische Spuren auf und konfrontiert diese mit «Küssen» aus den Künsten und aus der Alltagskultur.

 

Valentine Michaud

In Freundschaft

Komponiert von Karlheinz Stockhausen 1977 wurde In Freundschaft für verschiedene Soloinstrumente konzipiert. Die Version für Saxophon-Sopran ist 1982 komponiert.

In aller Freundschaft ist ganz auf eine melodi­sche Formel aufgebaut, die in den ersten Tak­ten ausgesetzt ist, in fünf Mitglieder durch Schweigen unterteilt. Die Beschleunigung des letzten Intervalls erzeugt einen Triller im mitt­leren Register, der wie die Trennlinie zwischen zwei Schichten – eine akute und ruhige, die andere Grab und aufgeregt, wie die beiden Facetten der gleichen Person sein wird. Der Darsteller muss diese Elemente auch durch die Richtungen seiner Gesten unterscheiden. In einem Prozess, der sieben Phasen umfasst – zweimal durch eine Kadenz unterbrochen, die die strenge Entfaltung der Formel bricht, um Platz für eine melodische Linie zu ma­chen, die verrückter und chaotischer ist – die Schichten treffen sich und vereinigen sich dann.

Video und Schnitt: Milos Savic

Newsletter abonnieren

Tragen Sie sich in unsere Mailingliste ein, um die neuesten Updates von Missinglink zu erhalten.

Sie haben sich erfolgreich für unseren Newsletter angemeldet.