Ganz modern, das Selbst-Portrait am fünften Abend der Veranstaltung

Das Selbst-Portrait verweist auch darauf, wie sehr das Selbst ein Medium ist. Als solches verändert es sich mit unterschiedlichen Medien sowie mit neuen Techniken. Davon zeugen nicht nur die Entwicklungen der bildenden Kunst, mindestens ebenso sehr verändert es sich mit Wissenschaft und Technik. Hat die Psychoanalyse auf die unbewussten Aspekte unseres Selbstbildes hingewiesen, so produziert die Medizin mit Hilfe digitaler Technik noch ganz andere Bilder unserer selbst, darüber hinaus werden aus den Spuren, die wir in der digitalen Welt hinterlassen, ebenfalls Bilder geschaffen, von denen man nichts weiss und die uns selbst erstaunen und erschüttern können.

 

Daniel Boschung und Ernst Hafen

Workshop: Quantified Self

 

 Quantified Self beschäftigt sich mit der Erfas­sung persönlicher Daten, welche anschlies­send ausgewertet zu einer Selbsterkenntnis und dadurch wiederum zu einem Ansatz für Veränderung werden können. Mit der Verbrei­tung von leistungsstarken Smartphones in technologisierten Gesellschaften und der Verfügbarkeit von immer kleiner werdenden Sensoren weitet sich der kybernetische Ansatz von ‚Messung und Regelung‘ in diver­se Facetten unserer Lebenswelten aus. So z.B. in den Bereichen Gesundheit, Sport und Gewohnheiten wobei die erfassten Daten zu einem persönlichen Spiegel werden.

Im Rahmen des Workshops wollen wir uns damit beschäftigen, was für Fragestellungen und Verstrickungen sich durch die Selbstbe­obachtung mit Hilfe von Apps ergeben. Zu diesem Zweck ist es hilfreich im Rahmen eines Selbstversuchs über einen möglichst langen Zeitraum eigene Daten zu sammeln. Wir legen den Teilnehmern nahe, sich die Software auf das persönliche Smartphone zu laden und möglichst bald mit der Aufzeich­nung zu beginnen. Die persönlichen Daten sind die Gesprächsgrundlage während des Workshops.

 

Ernst Hafen

Genome meets iphone – Wir und unsere Daten

 

Migros, Coop, SBB, Google, Facebook, all die Apps, die wir auf unserem Smartphone gratis herunterladen, aber auch unser Arzt, das Spital und unsere Arbeitgeber sammeln Daten über uns. Es entstehen unzählige Datensilos, die dennoch einen grossen Wert haben. Man denke nur an die Börsenbewer­tung von Google, Facebook und Co. Daten sind ohne grossen Aufwand kopierbar und wir sollten auf dem Recht bestehen, eine Kopie unseren Daten einzufordern. Mit Kopi­en dieser Daten entsteht eine zusätzliche Wertschöpfung, denn nur jeder Einzelne von uns, kann seine Smartphone-, Einkaufs- und Genom-Daten zusammenführen. Wenn wir unsere Datenkopien in genossenschaftlich organisierten MIDATA Datenbanken verwal­ten, kommt der persönliche Nutzen dem Einzelnen und die Wertschöpfung der Gesell­schaft zugute. Wir erreichen eine Demokrati­sierung der persönlichen Datenwelt und machen so einen Schritt hin zur Befreiung aus der digitalen Feudalherrschaft multinatio­naler Grosskonzerne.

 

Thomas Schweer

Kriminalitätsvorhersage: Praktische Erfahrung mit Predictive Policing.

Künftige Polizeiarbeit wird immer stärker von automatischen Analyse- und Prognosesyste­men unterstützt werden. Diese neue Form der Kriminalitätsbekämpfung firmiert unter dem Begriff „Predictive Policing“. Ziel ist es, in großen Datenmengen Muster zu erkennen, um daraus Rückschlüsse auf zukünftige Taten zu ziehen. Dabei bildet das near-repeat-Phä­nomen einen integralen Bestandteil dieser Art von „vorher-sagender Polizeiarbeit“. Vor allem im Bereich des Tageswohnungseinbruchs gibt es eine Reihe von internationalen Studi­en, die belegen, dass geografische Bezirke, in denen ein Einbruch erfolgt ist, häufig in kurzer Zeit und im direkten Umfeld mit Folge­delikten rechnen müssen. Damit liefert das Phänomen der near repeats neben der täter­bezogenen Analyse einen neuen Ansatz in der polizeilichen Ermittlungsarbeit.

Das Institut für musterbasierte Prognosetech­nik (IfmPt) hat auf dieser Grundlage die Near Repeat Prediction Method entwickelt und im System PRECOBS implementiert. PRE­COBS generiert unter Verwendung aktuells­ter Deliktdaten Prognosen, die von Polizeibe­hörden für operative und präventive Zwecke verwendet werden können. Kräfte in der Recherche, den Leitstellen und in den Einsat­zeinheiten erhalten so zeitliche und räumliche Indikationen für eine lageorientierte Ein­satz-planung.

Der Vortrag zeichnet die Entwicklung der Software und die ihr zugrundeliegende Methodik nach, diskutiert Vor- und Nachteile der near repeat prediction, beschreibt an praktischen Beispielen die konkrete operative und präventive Einsatzmöglichkeiten.

 

Daniel Boschung

Hochauflösende Portraits – Eine Herausforderung für unsere Wahrnehmung und unser Selbst-Verständnis.

Wie gehen wir damit um, wenn wir unser Abbild in zehnfacher Vergrösserung, poren­tief, hemmungslos und in aller Ruhe, wie durch ein Mikroskop, betrachten können? Was geschieht bei der Betrachtung eines solchen Portraits mit unserem Urinstinkt, die Mimik in Gesichtern lesen und interpretieren zu können?

Um diese Fragen dreht sich meine Arbeit Face Cartography. Mit Hilfe eines industriellen Roboterarms kartographiere ich dabei Ge­sichter, die aus 600 Makro-Bildern zusam­mengesetzt sind und eine ultra-hohe Auflö­sung von 900 Megapixeln haben.

Roboter und Algorithmen erledigen immer mehr menschliche Arbeiten. Dabei ist oft nicht mehr zu unterscheiden, ob eine Infor­mation von einer Maschine oder von einem Menschen erstellt wurde. Auch in der Foto­grafie fand ein grosser Wandel mit dem Wechsel vom analogen, Film-basierten zum digitalen System statt. Mit den Roboter-ge­steuerten, hochauflösenden Portraits entsteht eine Bildqualität, die nur maschinell erzeugt werden kann und die Charakteristiken des Digitalen erkennen lassen.

Die Bilder wirken auf den Betrachter irritie­rend, da sie ihm eine neue und ungewohnte Sichtweise erschliessen. Den Gesichtern ist nicht anzusehen, ob sie maschinell gesteuert oder von Menschen fotografiert wurden. Realität und Virtualität vermischen sich und lösen zwischen dem Instinkt und dem Ver­stand des Betrachters einen Wahrnehmungskonflikt aus. Gleichzeitig werden beim genauen Betrachten der Gesichter Intimitätsgrenzen überschritten, da sich Details in aller Ruhe betrachten lassen, die von blossem Auge gar nicht erkennbar sind.

Der Prozess des Fotografierens mit dem Roboter dauert etwa 20 Minuten. Das fertige Bild täuscht aber einen Schnappschuss von 1/110 Sekunde vor. Die Portraitierten bekommen sozusagen eine neue, von Maschinen komprimierte und neu zusammengebaute Identität.

Video und Schnitt: Milos Savic

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