Traumstationen

Interview von Patrick Henze, International Psychoanalytic University (IPU)

 

Am 21. September eröffnete die Gruppe The Missing Link vom Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) die „Traumstationen“ mit einem Open House am Theater am Neumarkt. In Zürich, Luzern und im Aargau können in knapp 30 Traumboxen Träume „deponiert“ sowie auf einer Hotline bereits deponierte Träume anderer angehört werden. Ausserdem gab es eine Email- und dazu noch eine mobile Traumstation. Patrick Henze vom Studiengang Kulturwissenschaften der International Psychoanalytic University (IPU) stellt für den Account bei Facebook ein paar Fragen zu diesem Projekt.

 

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„Er überfällt uns, er erschreckt uns, er beglückt uns und wir können meistens nicht sagen, wie es dazu kommt. Er ist eine Überraschung, er ist ein Geschenk, ein Ereignis.“

Heute: Teil 1 des Gesprächs mit Olaf Knellessen über die „Traumstationen“

I: Wie kamen Sie auf die Idee der Traumstationen?

ML: Anlässlich der diesjährigen Preisverleihung des Preises für interdisziplinären Austauschs mit der Psychoanalyse The Missing Link organisieren wir mit dem Theater Neumarkt in Zürich ein Projekt zum Traum, das einerseits aus einem Festival besteht, das am Fr/Sa, 29./30. November in Zürich stattfinden wird, dessen Vorlauf die Traumstationen sind, die jetzt seit 21. September in Betrieb sind.

Ziel dieses Teils des Projekts war es, den Traum nicht nur im geschützten Rahmen einer Praxis, eines Seminars oder einer Tagung aufzugreifen, sondern mit dem Traum rauszugehen, in die Stadt, aufs Land, unter die Leute, ihm auch dort draussen zu begegnen, wo er ja in den verschiedensten Formen präsent ist.

Und es war für uns erstaunlich und sogar eine grosse Überraschung – weil wir überhaupt nicht einschätzen konnten, wie die Reaktionen auf unser Angebot sein würden – mit welch grossem Interesse unsere Idee und unser Angebot aufgenommen wurde. Zum einen von den Gastgebern der Traumstationen, zum anderen aber von all denen, die uns bisher schon Träume haben zukommen lassen – über die Traumboxen, über die Email-Adresse (traum@psychoanalyse-zuerich.ch, die im Übrigen auch von Berlin aus benutzt werden kann), über die telefonische Hotline, auf der man Träume aufsprechen, sich aber auch, wenn man beispielsweise selbst keine hat, sich Träume anderer anhören kann.

 

I: Bei der Eröffnung am 21. September konnte man bis in die Nacht auf der Couch einer Analytiker*in eigene Träume erzählen. Ist das nicht ganz schön unorthodox?

ML: Nun, Träume zu deuten ist nicht sehr orthodox, gehört zu dem, was Analytikerinnen tun. Träume auch ausserhalb des analytischen Settings zu deuten, hat Freud schon getan, ist Teil eines kulturtheoretischen Verständnisses der Psychoanalyse. Dieses Verständnis auf das auszuweiten, was bei einer Traumdeutung unter so verschiedenen, medialen, nicht nur, aber auch elektronischen Übertragungsbedingungen passiert, kann man vielleicht als unorthodox bezeichnen, aber eigentlich ist es doch genau das, was wir in Analysen immer tun: die verschiedensten Aspekte der Übertragung aufzugreifen und zu verstehen, wie sie das analytische Material das Unbewusste, immer wieder anders formatieren.

Und es war und ist was vom Erstaunlichsten, was wir in dieser kurzen Zeit schon alles erlebt haben, wie uns das angeregt hat und immer weiter Anstoss gibt, dem nachzugehen, was da passiert.

Schon bei dem von Ihnen erwähnten Start beim Open House im Neumarkt haben wir etwas Eindrückliches erlebt. Dieses Open House wurde sehr extensiv verstanden, nicht nur so, dass man von aussen das Haus besuchen und sich anschauen konnte – das natürlich auch. Darüber hinaus aber öffnete sich das Haus nach aussen – was auch dem Konzept der drei neuen Leiterinnen des Neumarkts entspricht – und so spielte sich bei schönem Wetter – die Götter schauten mit Wohlgefallen zu – das Ganze auf der Strasse vor dem Theater ab. Dort haben wir eine Traumstation mit Couch, Sessel und Paravent eingerichtet, auf dem ein grosses Schild mit Traumdeutung zu sehen war. Nachdem die erste Skepsis überwunden war, war die Couch eigentlich durchgehend besetzt. Und es gab eine wunderschöne Begebenheit dabei. Zunächst setzten sich nämlich zwei Frauen auf die Couch, um ihre Träume zu erzählen: alle beiden wollten das und sie wollten es auch zusammen – was ja ungewöhnlich ist – und so wurde es dann auch gemacht. Zuerst wurde der eine Traum angehört und dann gedeutet, dann der nächste. Anschliessend ergab sich ein Gespräch zu den beiden Träumen und zum Traum überhaupt. Dann musste der Deuter weg – um die Traumluftballons mit vorzubereiten, die dann in alle Himmelsrichtungen geschickt wurden – und anschliessend setzte sich jemand auf seinen Platz und begann nun seinerseits den beiden Frauen – wie diese dann hinterher erzählten – einen Traum zu erzählen. Diese hörten dem Traumerzähler sehr aufmerksam zu und sagten ihm dann, was sie zu seinem Traum dachten, deuteten ihn. Damit war der Traumerzähler seinerseits sehr zufrieden und bedankte sich. Eine grossartige Sache war das, die so wunderschön veranschaulicht, wie Träume ansteckend sind, wie sie uns faszinieren und weitergehen, vom einen zum anderen. So hörte es dann auch nicht auf bis in den Abend hinein.

Und natürlich könnte diese Anekdote en passant eine durchaus interessante Anmerkung zur Frage der Ausbildung von Psychoanalytikerinnen sein. Auch die funktioniert möglicherweise doch mehr über das Weitererzählen und die damit verbundenen Ansteckungen als über die Frage der Positionierung, wer an welchem Ort sitzt oder steht.

Die Träume, die von da an zu uns kamen – und sie kommen und kommen weiter –, begannen mit einer Serie von Träumen, die sich über einen Zeitraum von ein paar Monaten hingezogen haben und eine für die Träumerin sehr wichtigen Zeitraum in ihrem Leben begleiteten. Sie waren manchmal sehr knapp, man konnte sicher sein, dass sie weitergehen würden. Anfangs schien es ihr gar nicht so leicht zu fallen, die Träume mit dem Wunsch nach einer Deutung zu verbinden. In dem Moment, als das dann passierte, träumte sie gleich nochmals einen Traum, von dem sie sagte, dass es ein „grosser“ sei, und es war klar, dass der erst geträumt werden konnte, nachdem sie sich wirklich mit einer Deutung an uns wenden konnte. Das war eine eindrückliche Dynamik, die auch die Entwicklung in dieser Zeit ihres Lebens etwas verständlicher machte.

Wir bekommen also faszinierende Träume, die uns anstossen und weiter beschäftigen, über die wir uns auch immer wieder austauschen, woraus spannende und hochinteressante Gespräche entstanden.

Wir haben auch schon Zeichnungen von Kindern – aber nicht nur von Kindern – bekommen, eine davon hat das CO2-Problem und den Wunsch thematisiert, davon weniger zu wollen. Das hat uns sehr betroffen, weil diese Eingabe in einer Traumbox uns so deutlich machte, dass es ja vor allem die Kinder sind, die davon betroffen sind und sein werden. Und genau so melden sie sich. Die Kinder eines Kollegen von uns, haben sich sofort dran gesetzt und Zeichnungen als ihre Antwort, als ihre Deutung an den Jungen zu schicken. So haben wir sie, die Kinder unseres Kollegen, auch in unseren Deutungspool aufgenommen, sie zeichnen immer wieder für uns, bzw. für die Einsender. Auch das ist eine grossartige Geschichte und Erfahrung.

Solche Erfahrungen machen wir aber nicht nur durch die Träume im engeren Sinne, die eingeworfen oder eingeschickt werden. Wir bekommen auch Kommentare anderer Art, die durchaus Kritik äussern an dem, was wir da machen, am Umgang von Psychoanalytikern und Psychotherapeuten mit den Träumen ihrer Patienten und anderes mehr. Sehr schnell war uns klar, dass auch solche Aussagen, manchmal als Texte, manchmal als Zeichnungen oder von solchen illustriert, Beiträge zu unserer Traumstationen sind und wir sie aufnehmen und sie beantworten werden. Wir nehmen auch diese Einsendungen in den verschiedensten Dimensionen ernst, die sie ebenso haben wie Träume. Auch sie haben dieses Moment, das uns an den Träumen interessiert, dass sie uns nämlich einen Stoss geben, dass sie etwas mit uns machen, etwas von uns wollen, dass sie auch ein Schlag sein können.

Und wir geben solche Antworten auch dann, wenn solche Beiträge anonym sind. Denn diese Anonymität – und man kann daran sehen, wie viel wir bei diesem Projekt über Träume lernen – ist eine, die zum Traum gehört, bei dem es ja auch so ist, dass wir nicht wissen, woher er kommt. Er überfällt uns, er erschreckt uns, er beglückt uns und wir können meistens nicht sagen, wie es dazu kommt. Er ist eine Überraschung, er ist ein Geschenk, ein Ereignis. So haben wir heute eine wunderschöne Zeichnung beantwortet, die über einen Text als Gekritzel gelegt war, einerseits so, dass die Lesbarkeit etwas erschwert war, andererseits aber auch so, dass durch die Störung des Gekritzels die Zeichnung wie der Text noch viel anziehender und interessanter wurde. Das Ganze hatte eine starke Kraft und Aussage darin, dass uns geschrieben wurde, es sei nicht nötig, ein Festival zu machen wie wir es mit Traum Agent ja zusammen mit dem Neumarkt Ende November planen. Es gäbe angesichts des Potenzials der Schweizer Gesellschaft für das PSZ anderes zum Thema Traum Agent zu analysieren!

Wir antworten also auch dann, wenn wir die Antworten nicht zurückgeben können, unsere Antworten also – wenn man so will – ebenfalls anonym bleiben. Was ja nicht heissen muss, dass sie nicht trotzdem ankommen.

Wir werden uns dann ab nächster Woche noch auf eine andere Art auf den Weg machen, nämlich mit einer mobilen Traumstation, einer Velo-Rikscha, die wir bis Ende November benutzen werden, auf den Strassen von Zürich Leute einzuladen, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen und ihre Träume zu erzählen. Natürlich bekommen auch diese Träume, wie alle, die uns zugeschickt werden, eine Deutung und natürlich ist die immer gratis, ganz ohne Entgelt. Diese mobile Traumstation haben wir die Via Regia genannt – ganz nach Freud, der die Traumdeutung genau als das bezeichnete: Als Via Regia zum Verständnis des Unbewussten. Und das ist eben nicht nur in der Praxis und nicht nur in der Nacht und im Intimen zu Hause zu finden, sondern auf den Strassen, in den Städten, in der Welt, die uns umgibt.

Schliesslich haben wir auch verschiedene Künstler eingeladen, bei diesem Projekt mitzumachen. Einer davon, San Keller, wird mit seinem Projekt Die Halbschlafenden nachts durch Zürich ziehen und an Häusern und Wohnungen klingeln, um die Leute über die Gegensprechanlage nach ihren Träumen zu fragen. Auch da geht es ihm diesen Stoss, um diesen Anstoss, aber auch um die Verzerrungen und Störungen, die dabei in der Übertragung entstehen, die dann auch eine sehr technische ist. Ein anderer Künstler, Raffael Perret, hat über eine Internet-Plattform seine Freunde in der ganzen Welt angeschrieben und sie um ihre Träume gebeten – auch solche treffen ein – der letzte war aus der Sahara. Es ist faszinierend.

„Träume sind also etwas Intimes, daran besteht kein Zweifel. Sie sind aber das Medium, dass diese Intimität auch überträgt und sichtbar macht, zunächst für uns selbst, aber auch für andere und in anderen. Deshalb können wir sie überhaupt deuten – das ist ein Effekt dieser Kraft, die Träume haben.

Heute: Teil 2 des Gesprächs mit The Missing Link über die „Traumstationen“

 

I: Träume gelten vielen als etwas sehr Intimes. Denken Sie, dass viele Menschen dazu bereit sind, ihre Träume mit Fremden quasi öffentlich zu teilen? Und was könnte die Zuhörenden daran interessieren?

ML: Wie schon gesagt, haben wir bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Leute nicht nur bereit, sondern auch sehr froh sind und es schätzen, ihre Träume erzählen zu können und auf sie eine Antwort, eine Deutung zu bekommen. Wir fragen auch immer wieder nach, ob wir ihre Träume – natürlich anonym – beispielsweise für den Teil unserer Hotline benutzen dürfen, auf dem man sich Träume anhören kann. Auch da bekommen wir sehr viele Zusagen, aber natürlich auch Absagen, so wie wir auch sehr dezidierte Absagen in die Traumboxen bekommen. Die einen Antworten sind ebenso ernst zu nehmen wie die anderen.

Natürlich sind Träume etwas sehr Intimes, aber ebenso ist es so, dass sie immer auch nach aussen gehen, dass sie den Raum der Intimität verlassen und dabei auch andere Beziehungen zu intimen werden lassen. Man erzählt ja Träume immer auch – und nicht nur dem Analytiker. Man erzählt sie seinen Partnern, Freunden, sie fallen einem plötzlich in ganz anderen Situationen ein, was ja auch ein Hinweis darauf ist, dass sie nicht nur bei sich bleiben. Ganz abgesehen davon sind sie in dem, was wir tun, auch immer präsent, prägen unser Tun und auch unsere Arbeit – das ist ja nicht nur in der Kunst so, das ist ja nicht nur als Psychoanalytiker so – sehr wesentlich. Sie gestalten und formatieren unser Leben und nicht nur das innere, das ja von dem äusseren gar nicht so einfach zu trennen ist.

Daran kommt ein Aspekt von Träumen zum Ausdruck, der uns sehr interessiert: Freud sprach ja schon von der Traumarbeit, die weitaus extensiver zu verstehen ist, als die Umwandlungen beispielsweise in der sekundären Bearbeitung. Der Traum ist eigentlich diese Arbeit und ihr Produkt, er verändert sich ja ständig, wenn wir ihn erinnern, wenn wir ihn erzählen, wenn er dann von anderen aufgenommen wird, wenn er sich in unseren Tag legt und einarbeitet, er ist ein Prozess ständiger Umformung, eigentlich ist er eine Maschine. Es hat ja schon in den 70-iger Jahren den Versuch gegeben, eine Dream-Machine zu bauen. Und es ist auch interessant, der Frage nachzugehen, inwieweit mit den heutigen Möglichkeiten versucht wird, Träume maschinell herzustellen. Dazu haben wir an dem Festival unter anderem Florian Faller vom Game Design der ZHdK eingeladen.

Träume sind also etwas Intimes, daran besteht kein Zweifel. Sie sind aber das Medium, dass diese Intimität auch überträgt und sichtbar macht, zunächst für uns selbst, aber auch für andere und in anderen. Deshalb können wir sie überhaupt deuten – das ist ein Effekt dieser Kraft, die Träume haben.

I: In der Beschreibung zu den Traumstationen ist zu lesen: Wenn man einen Traum deponiert und den Wunsch hinzufügt, eine Deutung zu erhalten, bekommt man eine zugesandt. Wer deutet diese Träume – und mit welchem Werkzeug / theoretischen Hintergrund? Kann man Träume deuten ohne die Träumer*in?

ML: Wir, die Gruppe des Missing Link, haben als Vorbereitung für dieses Projekt schon im Sommer-Semester ein Seminar am PSZ zum Traum und diesen Aspekten des Traums gemacht, bei dem sich aus dem Kreis der Teilnehmer ein Deutungspool von Kolleginnen und Kollegen gebildet hat, die alle bei den Deutungen der Träume mitmachen. In der Folge haben sich noch weitere gemeldet, weil sie das Projekt so interessant fanden, dass sie mitmachen wollten – auch ein Studierender von der Uni hier in Zürich. Die eingehenden Träume werden unter den Mitgliedern des Deutungspools der Reihe nach verteilt. Das klappt bestens und wenn Fragen und Unsicherheiten auftreten, wendet man sich an andere. Wir werden das Seminar im WS weiterführen und dann auch sehr eng an den Erfahrungen und Fragen orientieren, die in diesem Kontext auftauchen. Der Austausch in der Gruppe ist sehr gut und sehr anregend, da wir auch immer wieder auf neue und faszinierende Fragen stossen.

Natürlich machen wir uns auch Gedanken zum theoretischen Background dessen, was wir machen. Die Situation, mit der wir es hier zu tun haben, ist natürlich ganz anders als im klassischen Setting, in dem man den Analysanden länger kennt, in dem man seine Assoziationen rund um den Traum hat, in dem man ihn auch zum Traum befragen kann. Der Ansatz von Fritz Morgenthaler, einem Analytiker aus Zürich, hat die Deutung des Traumes ganz auf die unbewusste Tendenz des Wunsches, also damit sehr zentral auf die Übertragung ausgerichtet, der sich in ihm aktualisiert. Auch Morgenthaler versteht den Traum als einen Anstoss, als einen Stoss in den verschiedensten Dimensionen, die das haben kann. Die Rückfrage nach Assoziationen beim Träumer versteht er eher als Abwehr gegen die emotionale, unbewusste und triebhafte Dimension, von der man immer angegangen wird. Diesen Ansatz hat er in Traumseminaren weitergeführt, in denen ein Teilnehmer nichts als den nackten Traum einer Analysandin erzählt – ohne weitere Angaben. Dann werden die Teilnehmer des Seminars ihre Assoziationen dazu erzählen, aus denen sich dann ein Bild des Träumers, der unbewussten im Traum sich aktualisierenden Tendenz zeigt und damit ein Verständnis ergeben kann, wie die Dynamik von Übertragung und Widerstand im Traum sich darstellt. Da wird sehr mit formalen Elementen und ihren Verbindungen gearbeitet, was sich eng an einem assoziativen Zugang orientiert wie ihn Freud zum einen in der Aufforderung an den Analysanden nach freier Assoziation und in der Haltung einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit an den Analytiker gerichtet hat.

Bei dem, was wir jetzt machen, spielt ganz sicher dieser Zugang eine entscheidende Rolle, auch wenn er nochmals etwas weiter getrieben wird, insofern die Deutungen in den meisten Fällen von einzelnen Kolleginnen und Kollegen gemacht werden – also ohne die Einbettung in ein solches Traumseminar, in eine solche Gruppe und ihre Assoziationen. Es ist dennoch auch für uns immer wieder erstaunlich wie gut das funktioniert, was nur eine Bestätigung dessen ist, wie reich das Material ist, das in einem Traum verdichtet ist, was für eine Kraft er hat, die sich durchaus auch darin äussert, immer wieder verschiedene Deutungen aus sich heraus zu treiben.

Auch diese Fragen des theoretischen Hintergrunds werden wir in unserem Seminar weiter diskutieren, immer sehr eng am Material konkreter Träume.

I:Sind auch Albträume erlaubt?

ML: Natürlich sind auch Albträume erlaubt. Wir können – und wollen auch nicht – eine Auswahl oder Bedingung stellen, was uns übermittelt werden darf. Und wir haben auch schon Albträume bekommen, mit denen sich Leute an uns gewendet haben und wir deuten sie so wie wir andere Träume auch deuten.

 

I: Gibt es für die Lai*in in Ihren Augen Möglichkeiten, sich den eigenen Träumen auch außerhalb einer psychoanalytischen Therapie zu nähern?

ML: Selbstverständlich gibt es andere Möglichkeiten sich den eigenen Träumen anzunähern, sie werden ja ohnehin in unser Leben nicht nur eingebaut, sie bauen es mit, unser Leben, auch dann wenn wir es nicht wissen. Und wir glauben auch gar nicht, dass man es immer wissen muss, dass man es immer reflektieren müsste.

Es gibt Annäherungen an Träume in Literatur und Kunst – was mit ein Grund ist, weshalb wir Künstler eingeladen haben, bei dem Projekt mitzumachen, wir werden beispielsweise bei der mobilen Traumstation, der Via Regia, Fahrten mit einer Künstlerin, Una Szeemann, machen, wir haben auch San Keller in unser Seminar eingeladen, weil ihn sehr ähnliche Fragen bei seinem Projekt der Halbschlafenden interessieren wie uns.

Und wir erfahren immer wieder, wie Leute sich über lange Zeit mit ihren Träumen befassen, wie sie Traumbücher führen, auf die sie auch immer wieder zurückgreifen, wie sie sich von ihren Träumen inspirieren lassen – das ist sehr eindrücklich. Auch da ist es also nicht so, dass die Psychoanalyse der einzige und der einzig richtige Zugang wäre. Was ihre Bedeutung keinesfalls schmälert und sie nicht weniger interessant macht. Im Gegenteil. Nicht zuletzt weil sie ja auf die Übertragung spezialisiert ist, um die es bei den Träumen sehr zentral ja immer geht.

I: Träumen Psychoanalytiker anders?

ML: Das würden wir nicht sagen. Natürlich gibt es bei Psychoanalytikern aus verschiedenen Gründen eine besondere Beschäftigung mit den Träumen. Und sicherlich kann sich die auch in den Träumen niederschlagen, nur schon darin, dass man häufiger träumt, was man ja durchaus kennt, was uns auch jetzt in dieser Zeit passiert ist. Aber das dürfte nicht so spezifisch sein für Psychoanalytikerinnen sein.

Und natürlich kann es auch bei Psychoanalytikern die Tendenz geben, Träume beeinflussen und sie in die eine oder andere Richtung lenken zu wollen. Aber auch das ist nicht spezifisch, das ist den Träumen und dem, was dazu geschrieben wird in den Analysen wie auch sonst immer, auch etwas anzumerken – überhaupt ist es frappant, was man ihnen alles anmerken kann. Davon muss man sich nicht so sehr beeinträchtigen lassen, sondern es als Teil dessen nehmen, was zu verstehen und was interessant ist.

 

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